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Vorwort
Kleine Haie hatten es
nicht leicht in den Weiten des Meeres, meist waren
sie einsam und traurig. Niemand wollte mit ihnen
spielen oder sie ins Kino begleiten, ihr Hunger war
einfach zu groß und willkürlich. Auch Youri, der
kleine Grauhai, kannte dieses Problem. Ihm war immer
sehr langweilig und weil er noch nicht richtig jagen
konnte, hatte er ebenso oft wie meistens ganz
tierischen Hunger. „Hrmpf“, grummelte er, während er
eines frühen Meeresmorgens mit knurrendem Magen
durch das Korallenriff trieb. Er war mit seinen
beiden einzigen Freunden verabredet, den beiden
Garnelenschwestern Katja und Michaela. Sie gingen in
dieselbe Muschelschulklasse und unternahmen ab und
zu etwas zusammen. Heute wollten sie vor dem
Gehirnkorallensupermarkt rumlungern, heimlich
Doktorfischcola trinken und vielleicht versuchen,
eine Zigarette zu rauchen. Unter Wasser war das
nicht so leicht, weil nämlich immer das Feuer
ausging.
Katja hatte sich heute
aus unerfindlichen Gründen besonders schick gemacht
und sah für ihre zwölf Tage sehr sexy aus. Michaela
bestach eher durch ihren ausgeprägten Scharfsinn,
sie machte sich nicht viel aus Äußerlichkeiten.
„Hallo Youri!“, riefen
die beiden kichernd, als der Grauhai um die
Algenecke bog. „Hallo ihr zwei leckeren
Garnelenfreundinnen“, antwortete da der kleine
Knorpelfisch und aß Katja aus Versehen, ohne auch
nur nachzufragen, hektisch auf. „Entschuldigung,
Michaela, aber ich hatte so einen Hunger“. Youri
wirkte etwas beschämt, sein Benehmen war schon mal
besser gewesen.
„Ach, Youri“, lachte
Michaela, „es ist doch immer das Gleiche mit dir.“
Weil aber Youri noch
Hunger hatte, biß er auch von seiner letzten
Freundin ein gutes Stück ab, ließ es sich schmecken.
Bevor er sie jedoch ganz herunterschlucken konnte,
hörte er seine beste Freundin noch rufen: „Hey
Youri, ich habe doch das Buch noch nicht
zurückgegeben! Kannst du mir einen Gefallen tun und
eben zur Marianengrabenbücherei schwimmen – ich will
nicht wieder Strafe zahlen. Danke und bis bald
vielleicht.“
Youri wußte, was er
seiner Freundin schuldig war, würgte Michaelas Buch
sowie ihren Ausweis zurück in sein Grauhaifischmaul
und nahm Kurs auf die Unterwasserbücherei.
Da, auf dem tiefsten
Grund des Meeres lag sie, die gewaltigste Ansammlung
des unterseeischen Wissens. Youri klingelte an der
schweren Lavagesteinstür und pfiff ein kleines Lied,
während er wartete. Aber schon bald öffnete ihm ein
alter, weiser weißer Hai die Tür und sah ihn fragend
an. Youri begrüßte ihn respektvoll mit einer kleinen
Verbeugung. „Äh, ich hätte hier ein Buch
zurückzugeben... äh, und zwar das von meiner
Freundin, hm, es heißt, Moment, es heißt „Das
verfressene Ungeheuer: Warum Haie keine Freunde
haben“. Und da fiel es ihm wie Zackenbarschschuppen
von den Augen. „Hey, damit bin ja ich gemeint!“
Youri wurde sehr traurig und vergoß Tränen, denn er
mußte einsehen, die Beschreibung „verfressenes
Ungeheuer“ traf auf ihn ziemlich genau zu.
Der alte weiße Hai
nahm Youris Erschütterung zur Kenntnis und ihn bei
der Flosse, zog den Kleinen daran in seine Bücherei,
wo er ihn ein wenig tröstete. „Komm mal mit Youri,
ich möchte dir etwas zeigen, was dir vielleicht
helfen kann.“ Er führte ihn durch ein paar ganz
lange dunkle Gänge, und überall waren geheimnisvolle
alte Bücher, die schlecht rochen. Youri beschlich
eine kleine Beklemmung, er hielt sich mit seiner
rechten Flosse die Augen zu und lief vor ein
Stahlregal. Auch lief er eine kleine Leiter um und
eine alte mediterrane Manganvase. Schließlich
gelangten sie aber ohne größere Verluste in einen
düsteren Raum, in dessen Mitte ein knorriger
Eichentisch stand. Der alte weiße Hai wies
unauffällig auf das große steinzeitliche Buch, das
darauf lag. „So Youri“, sagte er, „du hast ein
Einstellungsproblem. Du solltest dir mehr Gedanken
machen um die anderen Lebewesen auf diesem Planeten.
Denn, albern oder nicht, es sind alles deine Brüder
und Schwestern, selbst die Bisamratte, der
Affenbrotbaum und der Blaufußtölpel. Nichts gegen
die Nahrungskette, Youri, aber du mußt besser
aufpassen, wen oder was du aufißt und mit wem oder
was du dich anfreundest. Lies mal ein bißchen in
diesem Buch. Das bringt dich auf neue Gedanken, du
Arsch.“ Und mit diesen Worten schwamm der alte Hai
von dannen.
Youri indes war etwas
vor den spitzen Kopf gestoßen. Umständlich setzte er
sich auf den weichen, erstaunlich bequemen
Anemonenhocker und schlug die erste Seite auf.
„Guten Tag, Youri“,
stand dort geschrieben. „Ich hoffe, du bist bereit,
auf eine Weltreise zu gehen, um neues Leben und neue
Zivilisationen zu entdecken. Du wirst auf dieser
Reise Wesen treffen, die so seltsam anmuten, daß du
sie dir in deinen kühnsten Träumen nicht hast
vorstellen können. Dieses Buch ist in Wahrheit noch
viel mehr als ein Lexikon. Es ist auch Telefonbuch,
Altes Testament, Dating Service, Kochbuch und
Internet. Also, viel Spaß dann mal, kleiner
Grauhai.“ |
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