| |
Nachdem ich ins Wasser gefallen war, wurde schnell
klar das nichts jemals mehr so sein würde wie es
einmal war. Sonnenstrahlen glitten über meine Arme
während ich langsam zu sinken begann. Ich glaube es
war noch nie so ruhig und so blau. Ich wußte
garnicht wieviel verschiedene Blaus es geben kann.
Aber wenn man langsam versinkt, scheint jeder
Zentimeter Meer eine andere Farbe zu haben. Ich
stelle mir vor ich bin ein Astronaut und garnicht
auf der Erde. Stimmt ja auch irgendwie. Inzwischen
habe ich so oft geträumt das Außerirdische neben
meinem Bett gelandet seien daß es wahrscheinlich
durchaus schon mal passiert ist. Ich habe aber immer
nur deren Raumschiffe gesehen. Naja, ob nach oben
oder nach unten ist ja eigentlich auch egal,
letztlich. Ein kleiner gelber Drückerfisch kommt und
schubst mich. Ob er Ärger haben will? Nachdem ich
ihn wüst beschimpfe geht er beleidigt weg.
Vielleicht holt er ja jetzt seine Brüder. Aber ich
will mich ja garnicht streiten. Nur weiter
versinken, in Ruhe. Das Blau wird dunkler und mir
sympathischer. Ich fand es immer schon interessanter
einem Hai etwas nettes nachzusagen als einem
politisch korrektem Delphin etwas böses. Ich sinke
tiefer, aber es bleibt hell um mich – kleine
Laternenfische werden mir sicher den Weg zum Grund
leuchten, oder die kleine Sonne in meinem Herzen.
Plötzlich tauchte vor mir ein ziemlich großer
Blauhai auf und fühlte sich gestört. „Ach, leck mich
doch am Arsch!!! Du dumme Sau!!!“ schrie er mich
ganz fürchterlich an. Ich hatte das schon mal
irgendwo gehört. Der kleine Blauhai war auch
ziemlich schnell nicht mehr so in Rage und wurde
zutraulich. Es ist mir durchaus sympathischer einem
Hai etwas nettes nachzusagen als einem Delphin etwas
böses. Und dieser Blauhai war auch wirklich ein ganz
lieber. Er blieb sehr lange und half mir nach unten.
„Sag mal, wohin willst du eigentlich?“, fragte er
mich. „Nun, ich will nicht irgendwohin. Ich sinke.
Das ist etwas anderes. Es hat nichts mit wollen oder
müssen oder können zu tun. Es passiert.“ Der Blauhai
war nicht zufrieden. Etwas in seinem Gesicht wies
deutlich darauf hin. Ich glaube es hat damit zu tun
das ich stumpfe Tiere ganz schrecklich finde. Tiere
müssen schnittig sein. Vögel haben aufgrund ihrer
Schnäbel natürlich entscheidende Vorteile auf meiner
Sympathie Skala, aber unter Wasser trifft man selten
welche, außer kleine schwarze Raben. Also, hier
unten ist der Hai sicher der schnittigste. Ihren
Unmut bekunden Haie gegenüber mir indem sie sich
verstumpfen. Das kann sehr unangenehm sein und sieht
auch echt scheiße aus. Dieser sehr liebe Blauhai
wurde jedenfalls immer stumpfer bis er verloren
hatte. Enttäuscht sank ich tiefer und ließ den
stumpfen Blauhai zurück in Höhen wo stumpfe Blauhaie
nun mal stehenbleiben müssen. Ich aber ging weiter,
langsam war nichts mehr zu sehen außer dem Licht der
kleinen Laternenfische.
Es
stimmt übrigens nicht, daß ab gewissen Tiefen der
Druck weh tut. Auch meinen Zähnen geht’s prima. Wenn
man sich mal entschieden hat hier unter zu wohnen,
oder von da kommt, tritt die allgemeine
Meerjungfrauen-Verordnung in Kraft. Aber das die
Meerjungfrauen erst herauskommen wenn man sich
entschieden hat und dann auch noch reine Liebe
vorweisen muß ist stark übertrieben. Vielleicht ist
es sogar genau andersherum. Jedenfalls ist alles
gelogen, man kann ohne Probleme bis auf den Grund
und weiter sinken ohne Schaden zu nehmen. Wenn ihr
also das nächste Mal irgendso ein Tauchergefasel zu
hören kriegt, zögert nicht sondern haut dem Hansi
die Flossen vor den Kopf bis er seine alberne
Taucherkrankheit bekommt oder ihm die Füllungen aus
den Zähnen fliegen. Aber bitte vorsichtig.
Zurück
zu meinem Laternenfisch. Ein Witzbold hat meinen
Beleuchterfreund eine Hellblaue Birne in die
Rückenflosse gedreht. Haha. Sehr lustig. Der
Leuchteffekt ist ungefähr Null bis minus zwei.
Trotzdem laß ich mich von inzwischen 12Millionen
Tonnen Wassersäule gemütlich weiter nach unter
drücken. Eben kam eine Meerjungfrau vorbei und
wollte mich becircen. Groß, stark, schön,
intelligent und zuvorkommend war sie. Ich habe den
Laternenfisch genommen und sie nach oben geprügelt.
|
|