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Wenn ich auf meinem
Balkon sitze, besucht mich immer eine kleine
schwarze Dohle und plaudert mit mir über die
Geschehnisse des Tages. Sie wohnt auf meinem
Schornstein, und da wir Nachbarn sind, freundeten
wir uns mit der Zeit richtig an. Sie redet mit mir
über ihre vielen Dohlenkinder und davon, wie sie es
schaftt immer die besten Stöckchen für ihre Nester
zu finden, und ich berichte von den letzten
Fussballergebnissen oder der Lage im nahen Osten.
Wir haben uns also schon immer viel zu erzählen
gehabt, aber neulich kam das Gespräch zufällig
darauf, ob wir auch in anderen Tierkreisen gute
Freunde haben. Ich sagte, das ich einen Beo kenne,
und einen Ameisenbären und das auch der gemeine
Weißspitzenriffhai ein guter Bekannter von mir ist,
und das ich mit ihm im Urlaub am Strand
Elfmeterschiessen übe. Die Dohle wurde jedoch
traurig und still. Und sie erzählte mir eine
Geschichte die ich nicht vergessen werde.
„Meine beste
Freundin“, sagte sie, „war eine kleine
Sumpfschildkröte und lebte im weiten indischen
Ozean. Ich hatte sie durch Zufall im All-inclusive
Urlaub kennengelernt. Bei einem Tauchgang sah ich
sie in einer Höhle sitzen, sie winkte mich heran und
lud mich ganz spontan auf einen Papageientee und
einen Karpfenkeks ein. Die Schildkröte hieß Kira und
war noch ziemlich jung. Sie wohnte allein, in ihrem
jungen Alter, und schien mir etwas einsam zu sein.
So leistete ich ihr für den Rest meines Urlaubs
Gesellschaft - wir spielten Korallenschach, sahen
viel Fern und ärgerten den eitlen Rotfeuerfisch von
nebenan. Kira mochte nicht so gern nach draussen
gehen, sie hatte Angst, aber ich traute mich so
recht nachzufragen warum. So verbrachten wir die
meiste Zeit in ihren vier Wänden. Ich brachte
morgens die Zeitung mit und frische Algenbrötchen.
Und spät abends, wenn ich nach Hause ging, schienen
mir die Sterne den Weg und ich fragte mich was Kira
wohl alles vor mir verbarg. Ich würde sie fragen,
ich wußte nur noch nicht wann.
Ein paar Tage vor
meiner Abreise legte ich noch mal einen kleinen
Strandtag ein, denn auch unter uns Dohlen gilt eine
gesunde Bräune durchaus als erstrebenswert. So lag
ich faul auf meiner Strandliege, nippte ab und zu an
meinem Aracocktail und ließ mir die Sonne auf die
Federn brennen. Und als ich gerade ein wenig
eindösen wollte, schreckte mich eine unangenehm
kratzige Stimme auf: „Hallo... hätten sie vielleicht
Interesse an meiner kleinen Kollektion...? Sehen sie
mal hier, was ich hier habe...“ Ich blinzelte und
sah neben meiner Liege einen komischen Kauz stehen.
Also, in Wirklichkeit war es natürlich kein Kauz,
sondern ein Affe, ein kleiner hellgrauer Affe mit
einem unerträglichen, falschen Grinsen im Gesicht.
Er öffnete seinen albernen Mantel und holte eine
große Schale hervor. „Na, wie finden sie das...? Ich
lasse es ihnen zu einem tollen Preis! Sie können es
zu Hause an die Wand hängen, es wird sie noch lange
an ihren Urlaub erinnern!“ In dem Moment an den ich
die wundersame Schale erblickt hatte, kroch mir ein
kalter Schauer den Dohlenrücken herunter... Eine
düstere Vorahnung beschlich mich, ich kannte diese
Form, diese Farben... „Was... was ist das... um
Gottes Willen...?“ stammelte ich. „Ah...!
Wunderschön, nicht?“ schnurrte der unsympathische
Affe. „Es ist eine ganz seltene Kostbarkeit, ein...“
er beugte sich zu mir herab und flüsterte jetzt...
„ein Panzer der Sumpfschildkröte... sehr, sehr
wertvoll... wenn sie wollen kann ich ihnen noch mehr
davon zeigen, andere, verschiedene...!?“ Eine
unglaubliche Wut stieg in mir auf, ich dachte nur,
dieses Schwein... und ich dachte an Kira, und daran
das sie sich nicht aus ihrer Höhle traute... Mein
Schnabel zitterte, ich sprang auf und schrie den
Affen an. „Du dumme Sau! Verschwinde bevor ich dir
die Augen aushacke...! Wie kannst du so etwas tun,
wir sind doch alle Brüder!“ Der Affe stolperte
zurück und fiel in den Sand. Ich hüpfte auf ihn und
rüttelte ihn kräftig durch, doch plötzlich... hatte
ich ein Kostüm in der Hand! Der Übeltäter war gar
kein Affe, es war eines von diesen glatten Tieren...
„Och... nö... das hätte ich mir ja denken können.“
sagte ich. „Das einzig wirklich bösartige Tier ist
halt der Mensch. Komm, verschwinde. Ich mag dich
nicht mehr sehen.“ Ich ließ den Menschen los und
packte traurig meine Strandsachen ein. Schnell
machte ich mich auf den Weg zu Kira, denn ich machte
mir natürlich jetzt ziemliche Sorgen um ihr
Wohlbefinden.
Als ich zu ihrer Höhle
tauchte, ahnte ich schon das etwas nicht stimmte.
Irgendetwas war geschehen. Ihre Korallenwohnung war
leer, bis auf einen kleinen Zettel auf dem stand:
„Liebe Dohle. Ich mußte leider fliehen, denn die
bösen Jäger kamen mir zu nahe. Ich habe daher meine
Kofferfische gepackt und den nächsten Walhaibus nach
irgendwo genommen. Ich werde meine Familie suchen
gehen, vielleicht finde ich sie ja doch noch wieder.
Wünsch mir Glück.“ Na, und das war die ganze
Geschichte. Ich habe sie nie wieder gesehen, meine
Schildkrötenfreundin Kira. Wer weiß was aus ihr
geworden ist.“
Die kleine Dohle war
sehr ruhig geworden und hatte Tränen in den Augen.
Auch mich hatte die Geschichte von der armen
Schildkröte sehr mitgenommen. Ich wußte das einige
Schildkrötenarten inzwischen bis auf wenige
Exemplare vollkommen ausgestorben waren, weil
Menschen wie ich und du sie jagen und töten. Ich
nahm die Dohle in den Arm und streichelte sie über
ihren grauen Kopf. „Wir müssen unseren Freunden
helfen“ sagte ich leise, „wir müssen ihnen helfen,
sonst sterben sie nach und nach alle aus und wir
sind ganz allein.“ Die Dohle schneuzte sich
geräuschvoll ihren Schnabel an meinem T-shirt. „Das
stimmt, aber was können wir alleine schon tun?“
fragte sie. „Nur zusammen schaffen wir es“, sagte
ich, „lass uns raus gehen und andere suchen die uns
helfen, bestimmt machen viele von unseren Freunden
mit, Andy der Ameisenbär, Carla die Krake, Youri der
Grauhai und Ulf und Michael von nebenan, oder Janina
von gegenüber.“ Die Dohle strahlte und rief: „Ja!
Und Kiki die Viper macht bestimmt auch mit! Und
Chasey, meine spanische Eidechsenfreundin!“ So
rannten wir beide schnell auf die Strasse und
erzählten unseren Freunden, Mensch und Tier, von
unser Absicht die Natur und zuerst die armen
Schildkröten zu retten. Und was macht ihr? Macht ihr
auch mit? Ja? Toll!
Und wer weiß,
vielleicht findet Kira dann sogar ihre Familie
wieder und wir können alle zusammen ein großes
Wiedersehensfest feiern. Mit Papageientee und
Karpfenkeksen für alle!
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