| |
Eines Tages brach eine
große Finsternis über das Mittelmeer herein und alle
Delphine und Thunfische waren verängstigt und scheu.
Das Wasser wurde kalt, der Himmel schwarz und die
Farben verschwanden. Die einzigen die sich noch
trauten, im offenen Meer herumzutauchen, waren
einige versprengte weiße Haie; aber sogar die
selbsternannten Herrscher der Meere waren dabei
nervös und unsicher. Der Boden des Meeres
versandete, die Pflanzen starben und alle Fische die
irgendwie blau waren, oder rot, oder gelb, oder
bunt, waren wie vom milchigen Bodenschlamm
verschluckt. Innerhalb weniger Stunden herrschten
Not und Elend im Mittelmeer, und sogar die sonst so
lustigen Katzenhaie schauten traurig und sagten
keinen Ton mehr.
Ungefähr zu dieser
Zeit lebte auch Finny der kleine Delphin. Unter
seinen Freunden galt er als mutig und klug, denn er
hatte sogar schon den großen Atlantik bereist, ganz
alleine, nur mit einen kleinen Rucksack. Auf diesen
Reisen hatte Finny schon viel gesehen, aber so etwas
wie das, was jetzt in seiner Heimat geschah, war
seinen kleinen schwarzen Augen bislang erspart
geblieben. Und als er die schleimigen Felsen seiner
Geburtsinsel erreichte, setzte er sich auf seinen
Lieblingsfelsen und dachte: „Ach so. Was soll ich
denn bitte jetzt machen?“. Finny war verzweifelt.
Die Finsternis war so gewaltig, was sollte er, der
kleine Delphin, denn dagegen unternehmen? Nun ja, er
war tapfer und mutig und klug. Aber seine
delphinarischen Fähigkeiten hatten Grenzen. Im
Grunde war er ja schon stolz darauf, daß er sich als
einziger seiner Spezies alleine auf einen Felsen
setzen konnte. So saß der kleine Delphin herum und
starrte auf das dunkel gewordene Mittelmeer.
Auf einmal fiel sein
mürrischer Blick auf einen kleinen Punkt am Strand.
Es schien ein Fetzen Papier zu sein, vielleicht nur
ein bißchen Müll, aber das besondere daran war, es
hatte Farbe. Ja, der Punkt war eindeutig rot. Finny
nahm seine Flossen in die Hand und rannte hinüber.
Das was dort lag war ein Buch. So ein schönes hatte
Finny noch nie gesehen, es war so bunt und voller
netter Tiere. Wie in Trance blätterte der kleine
Delphin darin herum und betrachtete all die netten
Bildchen mit Vögeln und Bären und Pinguinen – und
alle hatten bunte Sachen an und lachten. Das Buch
hatte schon etwas unter der Witterung gelitten, aber
er fand heraus, daß es irgendwo, weit oben im Norden
eine kleine Frau geben mußte, die wieder Farbe in
seine Welt bringen konnte. Und Finny beschloß diese
kleine Frau zu finden. So machte sich der kleine
Delphin auf in den Norden, weiter durch den Atlantik
als er je geschwommen war, um seiner Welt die Farbe
und das Licht wiederzubringen.
Als Finny Monate
später über den Dortmund-Ems Kanal und die Aa im
Aasee gelandet war, fühlte er sich müde und schlapp.
So legte er sich auf eine Wiese und beschloß sich
etwas auszuruhen. Aber im Aasee war es so eklig
gewesen, daß er erst kotzen mußte und sich dann
schlafen legte. Und weil kranke Delphine Aufsehen
erregen, las ihn eine kleine Person am Ufer auf und
legte ihn zu Hause in ihr Bett. Als Finny, der
tapfere Delphin aufwachte, lag er in einem ganz
bunten, gemütlichen Delphinbett und kriegte eine
Tasse grünen Tee. „Hallo kleiner Delphin“, sagte
eine liebe Stimme zu Finny. „Ich bin Antje, und was
machst du hier im Aasee? Das ist doch kein Platz für
einen Delphin.“ „Oh, du bist Antje? Ach, bitte hilf
mir Antje, meine Welt ist ganz finster und farblos
geworden, bitte, bitte mal sie wieder bunt! Ich
vermisse die Farben so und alle meine Freunde haben
ganz doll Angst!", quiekte da der kleine Delphin und
bekam Tränen in den Augen. „Keine Angst mein kleiner
Fisch, ich komme sofort mit und helfe dir!“, sprach
Antje und streichelte Finny über den Kopf. „Das ist
lieb Antje, aber ich bin kein Fisch. Ich bin ein
Säugetier.“ „Ich weiß lieber Delphin, ich wollte
dich nur ein bißchen ärgern.“ „Ach so, na dann
können wir ja jetzt gehen“. Und die beiden machten
sich auf den Weg zum Mittelmeer.
Als Antje und der
kleine Delphin am Strand ankamen und die Wolken
immer noch grau über dem schwarzen Meer hingen
überlegte die kleine Frau kurz und sagte dann:
„Keine Sorge Finny, das habe ich im Nu alles wieder
bunt gemacht.“ Und sie holte ihre Pinsel und Farben
hervor und begann zu malen. Der kleine Delphin
setzte sich auf seinen Felsen und sah zu wie die
Felsen wieder braun, der Strand strahlend weiß, die
Bäume grün und der Himmel blau wurde. Und dann waren
seine Freunde dran, die Katzenhaie kriegten schönere
Punkte als vorher und plötzlich gab es hier sogar
Papageienfische und Zitteraale, selbst die paar
weißen Haie bekamen eine freundlichere Farbe. Und
als Antje ihr Malwerkzeug zur Seite legte,
erstrahlte Finny`s Heimat wieder in aller Schönheit,
die Sonne schien und alle Tiere waren froh und
glücklich. „Vielen Dank liebe Antje, das du uns
unsere Farben wiedergegeben hast“, sagten sie da.
Aber Antje winkte nur und hoffte daß ihre neuen
Freunde sie ab und zu mal besuchen würden. Und so
kam es, daß seither ein kleiner Delphin bei Familie
Antje ein gern gesehener Hausgast ist und sogar ab
und zu mit am Tisch sitzen darf. Meistens schauen
die beiden aber zusammen Fernsehen und trinken
Milchkaffee. Und das macht Finny auch Spaß, denn
Delphine haben keinen Kabelanschluß.
ENDE
|
|