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Sabine schlief immer
bei offenem Fenster damit die Sonne, die Vögel und
die Morgenluft eine faire Chance hatten sie beim
Aufwachen zu unterstützen. Heute Nacht hatte es viel
geregnet und die Luft roch nach Wasser und Sommer,
genau so wie Sabine es am liebsten hatte. Sie
streckte sich und blinzelte verschlafen ein bißchen
in Richtung der großen Kastanie die vor ihrem
Fenster stand. Und das, was sie sah, verwunderte sie
sehr. Denn obwohl es Sommer war, trug der Baum in
ihrem Garten kein einziges Blatt mehr. Traurig
ragten die kahlen Äste in der Gegend herum und
langweilten sich. Sabine kroch aus ihrem Bett, rieb
sich die Augen und ärgerte sich sehr weil ihr
Panorama so gelitten hatte. Sie beschloß, nach dem
Frühstück dieser geheimnisvollen Blätterflucht auf
den Grund zu gehen und zog ihren
Spezial-Expeditionsanzug an. Dann kramte sie den
Pistolenhalfter aus der alten Kleiderkiste und
polierte die Sporen ihrer Stiefel. Sabine, die
große, stolze, schöne Frau sah auf ihre kleine,
minderwertige, doofe Uhr. Es war kurz vor zwölf Uhr
Mittags.
Als sie in der
gleißenden Mittagssonne auf die staubige Strasse
trat, mußte Sabine erst einmal schlucken, denn sie
hatte zu viele Cornflakes gegessen. Irgendwo
klapperte ein Fensterladen, es war keine
Menschenseele zu sehen oder zu hören. Der Wind trieb
alte Bildzeitungen durch die Gassen und entfernt
unterhielt sich eine Grille mit einer offensichtlich
sehr schlechtgelaunten Frau. Sabine blickte mit
ihren großen, braunen Adleraugen die Strasse herauf
und herunter und stellte erschrocken fest, daß kein
einziger Baum der Stadt mehr im Besitz seiner
Blätter war. Und weil das tapfere Mädchen in seiner
Freizeit Sheriff war und Naturschützerin, machte sie
sich auf den Weg, den Blätterdieb zu finden und zur
Strecke zu bringen. Sie war sich sicher das es einen
Dieb gab, denn erstens war die Vorstellung das alle
Bäume der Stadt plötzlich beschlossen ihre
Blätterfreunde einfach so wegzuschmeissen blöd und
zweitens wiesen tiefe, paarhufige Fußspuren deutlich
darauf hin. Sabine folgte den Spuren, die Nase immer
tief im Sand und Geröll. So zog sie mit ihrem
zierlichen Riechkolben eine imposante Spur durch die
westliche Welt, bis sie zu einem bestimmt zehn
kilometer langen Sandstrand gelangte und Wasser in
die Nasenlöcher bekam. „Hatschi!“, sagte das tapfere
Mädchen und zog ihre durchnässten Klamotten aus um
sie in der Sonne zu tocknen. Nervös blickte sie sich
um und bedeckte ihre Scham, denn sie hatte das
komische Gefühl hinter einem verdorrten Ast läge ein
großer Elefant der sie beobachtete. Weil das aber
auch ein ziemlich idiotischer Gedanke war, band sie
sich ihr Strandtuch um und kaufte sich an der
Strandbar eine Strandcola mit der sie sich dann
gemütlich etwas abseits legte. „Psst...“ hörte sie
plötzlich jemanden flüstern als sie gerade
einschlafen wollte. „Pssst.... Hallooo... Sabino!
Schau doch mal hier herüber!“ Sabine ordnete ihre
langen Beine und warf einen Blick südöstlicher
Richtung. Aus einem relativ kleinen, vielleicht fünf
mal fünf Meter großen Pril ragte ein Kopf hervor.
Ein gelb/ brauner Kopf mit langem Hals. Sabine stand
auf und ging zu dem Tümpel herüber. „Entschuldige,
Sabine, aber könntest du mir mal bitte helfen, ich
bin hier zur Abkühlung reingesprungen und jetzt
komme ich nicht mehr heraus...“ Die Giraffe reckte
ihren langen Hals zu der langen Frau und machte
Bewegungen welche wohl ein Herausziehen provozieren
sollten. Sabine warf ihre rotbraunen Haare in den
Nacken und zog, ungeachtet der Tatsache das
mindestens zehn Strandbesucher beim Beobachten
dieser Geste in Ohnmacht gefallen waren, die Giraffe
mit einem Ruck aus dem lauwarmen Wasserloch. Das
Huftier mit dem übertrieben langen Hals war jetzt
etwas auffälliger als vorher und seine Versuche 5,80
Meter hinter der auch großen aber doch 4 Meter
kleineren Sabine zu verstecken wirkten extrem
hilflos und albern. Trotzdem umarmte die Giraffe
Sabine ein bißchen von hinten und schmiegte ihren
Hals an ihr Ohr. „Vielen, vielen Dank das du mich
gerettet hast, allerliebste Lieblingssabine! Ich
wäre bestimmt verhungert, in dem doofen Loch.“ Und
eine Giraffenträne rollte ihr die Wange herunter,
lief weiter über ihre Giraffennase und fiel Sabine
auf den Kopf. „Ist schon gut Giraffe. Das habe ich
doch gerne gemacht. Sag mal weißt du vielleicht, wer
die ganzen Blät... Hey! Warum riecht das hier so
nach Kastanien! Und was hast du da im Mund!“ Die
Giraffe tat so als hätte sie nicht zugehört und
begann hektisch zu kauen. „Mmhhh.... ich mhab mhnix
im Mhnund. Mhwieso?“ murmelte sie. Sabines
Halsschlagadern schwollen bedenklich an und mit
einem Satz saß sie auf der Giraffe und hangelte sich
ihren Hall hoch. „Los, spucks aus, los! Aus!“ Und
sie rüttelte ganz doll an der Giraffe bis sie sich
schließlich ergab und eine Kastanienbaumkrone
wiederkäute. „Na gut, du hast recht. Es tut mir
leid. Aber mir war so schrecklich langweilig und da
bin ich weggelaufen und dann hatte ich so einen
Hunger.... Deine Bäume waren sooo lecker!
Schuldigung...“ Sabine, die tapfere Baumretterin
überlegte ein wenig. „Hast du denn gar keine
Freunde? Was willst du denn jetzt machen? Wo wohnst
du?“ fragte sie die traurige Giraffe. Und die
Giraffe erzählte daß es im Zoo ganz blöd war und
dazu fehlte ihr ein Spielgefährte. Da hatte sie
einfach den Zaun gefressen und war des Nachts
ausgebüxt. „Ich weiß was wir machen“, sagte Sabine
plötzlich. Und sie schwang sich in ihrem
Superunterwasserexpeditionsanzug auf den
Giraffenrücken und gab dem hohen Paarhufer die
Sporen.
Sabine schickte die
Giraffe ins Meer, aber sie gingen nur an Stellen, wo
das Wasser entweder weniger als 5,80 tief oder mit
Walhaien bestückt war. Nach einigen Stunden mühsamer
Reise gelangten sie endlich zu einer wunderschönen,
einsamen Karibikinsel. „So,“ sprach da die Sabine,
„hier kannscht du dir a Häusle baue.“ Und sie half
der Giraffe beim Errichten eines tollen, preiswerten
Strandhauses. Die Insel war voller leckerer,
frischer Laubbäume und ein Giraffenspielplatz war
auch da. „Wer hat den denn gebaut?“ wunderte sich
das langhalsige Tier. „Ich! Ich natürlich!“ rief von
weitem eine Stimme. Und aus dem Wald rannte ein ganz
schnittiger Giraffenmann. Sabines Giraffe fiel fast
um vor Freude und dann knutschten die beiden Tiere
völlig ohne Vorwarnung so heftig, das Sabine sich
schnell verabschiedete. Aber nicht ohne zu
versprechen recht oft wiederzukommen. Denn Sabine
hatte die große Giraffe lieb gewonnen und die
Giraffe sie. Die Giraffenfrau schenkte Sabine zum
Abschied sogar ein Ahornblatt und sagte sie solle es
an den kahlen Bäumen anwenden, das würde helfen.
„Oh! Bringst du mir nächstes Mal bitte ein Stück
Schokolade mit!“ rief der Giraffenmann schnell
dazwischen. Dann umarmten sich alle und Sabine
schwamm von dannen bevor sie noch mehr
Giraffenobszönitäten mitansehen mußte. Als sie dann,
es wurde schon dunkel, wieder zu Hause ankam, war
sie so müde, das sie sich nicht mal mehr ihre
Stiefel ausziehen konnte und wie tot ins Bett fiel.
Am Morgen, Sabine roch
den Sommer schon beim Aufwachen, sah sie aus dem
offenen Fenster und alle Blätter waren an ihrem
Platz. „Was für einen seltsamen Traum ich hatte“,
dachte sie und rieb sich die Augen. Auf ihrem
Nachttisch stand eine Schüssel Cornflakes mit einem
Zettel von ihrer Mutter daneben. „Guten Morgen du
Schlafmütze, lass es dir schmecken“, stand dort.
Rechts davon, auf einem kleinen Häufchen Sand, lag
ein frisches Ahornblatt. Und das sah verdächtig
danach aus als hätte eine Giraffe hineingebissen. |
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