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Alle Schildkröten
leben sehr lange obwohl sie viel trinken, rauchen
und lange schlafen. Jedenfalls die meisten, oder
zumindest einige, wenn nicht, gibt es aber bestimmt
zwei oder drei die mir persönlich bekannt sind, oder
von denen ich gehört habe, die so richtige
Schnapsdrosseln sind. Obwohl keine einzige
Schildkröte überhaupt nur weiß, was oder wer eine
Drossel ist. Nun, sagen wir, beinahe keine.
Vielleicht ein paar. Nicht mehr als jede zweite aber
bestimmt! Für unsere Geschichte ist dies aber
sowieso egal, und ich weiß gar nicht, warum ihr mich
überhaupt nach all diesem uninteressanten Zeug
gefragt habt! Also: ich wollte euch nämlich von
einer meiner Freundinnen erzählen, einer hübschen
kleinen Schnappschildkröte namens Bärbel.
Diese selten liebenswürdige Person traf einst unter
widrigen Umständen eine schmale Muräne namens Hajo
und freundete sich abrupt und hektisch mit ihr an.
Zusammen saßen sie oft in einer verrauchten
Korallenbar am Grunde eines sumpfigen
Mangrovenwäldchens, tranken ein Mineralwässerchen
und unterhielten sich. Schildkröten trinken nämlich
niemals Alkohol. Mit Ausnahmen.
An einem besonders schönen Abend, der Mondfisch ging
grade herauf zum Gehirnkorallensupermarkt, schaute
Hajo, die grün-weiß gestreifte Muräne, nachdenklich
in den Warmwasserhimmel und grummelte. Bärbel wirkte
davon ein wenig irritiert und nahm sich vor, ihn
innerhalb der nächsten 2 Minuten darauf
anzusprechen. Sie nippte an ihrer/m Fanta-Korn,
sammelte sich und sprach: „Sag mal Hajo, was
grummelst Du denn so?“ Die Muräne erschrug. „Was!?!
Wer bist du denn? Muß ich Sie kennen?“ „Aber ich
bins doch - Bärbel“, sagte Bärbel da und wunderte
sich. „Wir kennen uns doch schon zwei Wochen! Ach,
du willst mich ja nur veralbern.“ Meinte sie und
wandte sich wieder ihrem Mineralwasser zu. Aber Hajo
schaute weiterhin irritiert. Er zahlte hastig und
rief: „Und ich kenne Sie nicht! Hören Sie auf mich
zu belästigen! Wo bin ich hier überhaupt?“. Und
leise murmelte er hinterher: „und wer bin ich
eigentlich nochmal?“. Die Muräne setzte sich ihr
Portemonnaie auf den Kopf und zwängte sich ihren Hut
in die Hosentasche. „Mrmmelememmlgrrmm, ähhhh,
Tschüss!“ brüllte sie dann und verließ das Lokal.
Bärbel verharrte kurz in Konsterniertheit bevor sie
ihrem Freund hinterher eilte um einiges
klarzustellen.
"Hey Hajo! Warte doch mal! Kannst du dich denn etwa
an gar nichts mehr erinnern?“ rief die kleine,
seltene, Schnappschildkröte ihrem viel häufigeren
Freund hinterher. Aber die scheinbar verwirrte
Muräne lief geradewegs Richtung ihrer armseligen
Höhle, beziehungsweise genau in die andere,
falschere Richtung. Und als sie zu Hause angekommen
war, legte sie ihren Schlüssel in den Kühlschrank,
pinkelte ins Kabuff und fand dann den Weg ins Bett
nicht. Bärbel, die ihm gefolgt war, beobachtete mit
Sorgen dieses Schauspiel. „Mensch Hajo“, schluchzte
sie, „ich glaube du hast Alzheimer! Das ist ja
schrecklich! Was machen wir denn jetzt?“ Hajo suchte
weiter sein Schlafzimmer und murmelte nur leise,
„grmblmpf.... wer bist denn
du....wer....was....wo.....grmbl“. Die kleine
Schnappschildkröte war jetzt völlig fertig mit den
Nerven. „Was mache ich denn jetzt!? Ich meine,
nichts gegen dich, aber du hast doch 12.000.000
Schwestern und Brüder! Die kannst du ja ruhig
vergessen, aber mich? Mich gibt es doch nur noch
einmal! Du mußt dich doch erinnern, an mich! Bitte!
Ich hab doch sonst niemanden!!“ rief sie. Und brach
weinend zusammen. Die Muräne hielt in ihrem
Gebrabbel inne. Ihr Gesichtsausdruck entgleiste in
eine Mischung aus "unangenehm überrascht" und
"peinlich berührt sein". Schnell rannte sie zu ihrer
Freundin, nahm sie in den Arm und sagte: „Ach
Bärbel, ich wollte doch nur einen Witz machen! Es
war doch nur ein Scherz! Ich habe gar kein
Alzheimer! Ich habe Alzheimer nur gespielt! Ach, ich
wollte doch nur lustig sein!“
Bärbel aber, die kleine seltene Schnappschildkröte
lief noch eine Träne die Wange herunter.
„Aber....aber....ich bin doch die Letzte....“,
sprach sie leise, „.... du darfst mich doch nicht
vergessen!“
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